Aktuelles
Der Vollständigkeit halber: das Video im Titelbild wurde uns anonym gesendet, stammt aber mutmaßlich von der örtlichen Jägerschaft bzw. vom LJV Hessen.
Freitag, 23.01., sehr früh am Morgen. Noch bevor der Tag richtig beginnt, erreicht uns die erste Nachricht aus dem Einsatzgebiet. Eine Kontaktperson vor Ort schlägt Alarm. Nicht zum ersten Mal. Sie berichtet uns, dass sie in der Vergangenheit bereits mehrfach von örtlich aktiven Jägern bedroht wurde. Gleichzeitig teilt sie uns einen brisanten Fund mit. Inmitten eines Wolfsgebiets wurde ein groß angelegter Luderplatz entdeckt. Ein Ort, an dem gezielt Aas ausgelegt wird, um Wildtiere anzulocken. In einem Wolfsrevier ist das ein hochproblematisches Signal.
Ein paar Tage zuvor taucht online ein Video auf, verbreitet u.a. vom Landesjagdverband Hessen inklusive konkreter Ortsangabe. Gezeigt wird ein angeblich neues sechsköpfiges Wolfsrudel. Begleitet wird der Beitrag von Schlagworten wie "Transparenz". Für uns stellt sich sofort die Frage, welches Ziel diese Veröffentlichung tatsächlich verfolgt. Kurz darauf melden Anwohner zusätzlich eine Ankündigung zur Drückjagd für Samstag, den 24.01. Ausgerechnet in diesem Gebiet. Die Lage spitzt sich weiter zu.
Für die Taskforce: Artenschutz ist schnell klar, dass sofort gehandelt werden muss. Der gesamte Freitag wird zur intensiven Recherchephase. Wir sammeln Hinweise, überprüfen Hintergründe, führen Gespräche und setzen Informationen zusammen. Parallel treten wir mit der zuständigen Jagdbehörde in Kontakt und erhalten den Namen des Organisators der geplanten Drückjagd. Ab diesem Moment beginnt eine tiefgehende Analyse der beteiligten Person. Unsere Recherchen ergeben, dass es sich um einen niederländischen Trophäenjäger handelt, der international unterwegs ist und sich auf die Jagd besonderer Tiere spezialisiert hat. Zusätzlich nehmen wir Kontakt zu Menschen aus dem direkten Umfeld des Reviers auf. Mehrere unabhängige Quellen bestätigen uns, dass diese Person vor Ort als schnell aggressiv, verbal entgleisend und gegenüber Nichtjägern auffällig konfrontativ wahrgenommen wird.
Im Laufe des Freitags verdichten sich weitere Hinweise. Regionale Jäger berichten, dass gezielt über Wölfe gesprochen wird und dass diese im Fokus stehen sollen. Damit wird klar, dass es sich nicht um eine gewöhnliche Drückjagd handelt. Spätestens jetzt ist klar, dass wir eingreifen müssen.
Ab dem Mittag beginnen wir mit der operativen Einsatzplanung. Das betroffene Areal ist sehr groß und die erwartete Zahl der beteiligten Jäger liegt zwischen 80 und 160 Personen. Uns ist von Anfang an bewusst, dass wir diesen Einsatz nicht allein bewältigen können. Deshalb nehmen wir Kontakt mit dem Tierschutzverein Düsseldorf e.V. auf und bitten um Unterstützung. Besonders das Projekt "Jagd im Visier" ist für uns von zentraler Bedeutung, da es für professionelle Jagdbeobachtung, rechtssichere Dokumentation und ein nicht störendes Vorgehen steht. Genau diese Arbeitsweise ist für uns essenziell.
Parallel dazu läuft die technische Vorbereitung auf Hochtouren. Drohnen werden überprüft, Kameras vorbereitet, Akkus geladen, Powerbanks gepackt, Speicherkarten organisiert. Währenddessen liefert unsere Kontaktperson vor Ort weitere wichtige Daten. Standorte von jagdlichen Einrichtungen, Zufahrtswege, Positionen des Luderplatzes, Wolfssichtungen und weitere relevante Punkte werden an uns übermittelt. Das Lagebild wird immer klarer und detaillierter.
Am Abend folgt ein weiterer entscheidender Schritt. Gegen 19 Uhr treffen wir uns in einer mehr als einstündigen Videokonferenz mit dem Wolfspodcast sowie dem Tierschutzverein Düsseldorf, vertreten durch Anita Kreuzer. In diesem Meeting werden alle elementaren Punkte besprochen. Anfahrtsrouten, Gruppengrößen, Aufgabenverteilung, Kommunikationswege, rechtliche Rahmenbedingungen, Notfallketten, medizinische Versorgung, Plan A und Plan B sowie die übergeordneten Ziele des Einsatzes. Jede Rolle wird definiert, jede Eventualität durchdacht. Dieses Gespräch bildet die Grundlage für einen strukturierten und sicheren Einsatz.
Nach dem Meeting bleibt kaum Zeit zum Durchatmen. Fahrzeuge werden gepackt, Ausrüstung verstaut, Routen überprüft. Noch am selben Abend machen wir uns auf den Weg nach Hessen. Mehrere Stunden Fahrt liegen vor uns. Kurz nach 5 Uhr morgens erreichen wir das Einsatzgebiet. Der Wald liegt still und dunkel vor uns. Bevor wir den Treffpunkt anfahren, starten wir mit der ersten Lageerkundung aus der Luft. Die Wärmebilddrohne steigt auf. Dank der zuvor gesammelten Koordinaten wissen wir genau, welches Areal betroffen ist und wo die sensiblen Zonen liegen.
Schon nach kurzer Zeit sehen wir die entscheidende Bewegung. Das Wolfsrudel. Sechs Tiere. In enger Formation. Wachsam. In Bewegung Richtung Südwesten. Wir beobachten das Rudel über einen längeren Zeitraum. Alles deutet darauf hin, dass die Tiere das Gebiet noch vor Beginn der Jagd verlassen könnten. Ein entscheidender Moment.
Anschließend fahren wir zum Treffpunkt und stoßen zu den Mitgliedern von Jagd im Visier. Dort folgt ein intensives Briefing von rund 45 Minuten. Gruppen werden gebildet, Aufgaben verteilt, Kommunikationsstrukturen festgelegt, Erste Hilfe und Notfallabläufe definiert. Jede Person weiß, wo sie stehen muss und welche Aufgabe sie übernimmt.
Der offizielle Beginn der Drückjagd ist für 9 Uhr angesetzt. Bereits gegen 8 Uhr befinden sich alle Teams auf ihren Positionen. Das Gebiet wird strategisch aufgeteilt. Ein Teil unserer Mitwirkenden befindet sich direkt innerhalb des Jagdareals, dort wo geschossen wird und wo die Hauptaktivität stattfindet. Andere Teams positionieren sich an Fluchtrouten, Schneisen und Waldrändern, an denen aufgescheuchte Tiere das Gebiet verlassen könnten. Weitere Gruppen verfolgen die Treiber der Drückjagd in sicherer Distanz und dokumentieren deren Vorgehen. Parallel dazu überwachen wir das Geschehen technisch aus größerer Entfernung und halten sämtliche Abläufe fest.
Nach einiger Zeit werden einzelne Jäger auf unsere Präsenz aufmerksam. Die Stimmung verändert sich spürbar. Die Dynamik kippt. Aus Erwartung wird Zurückhaltung. Aus Aktivität wird Vorsicht. Die Abläufe werden ruhiger, kontrollierter und deutlich defensiver.
Gegen Mittag folgt die entscheidende Entwicklung. Obwohl die Jagd offiziell bis 15 Uhr angesetzt war, wird das Treiben bereits gegen 12 Uhr beendet. Ob unsere dokumentierende Präsenz ausschlaggebend war oder ob das Wild an diesem Tag nicht wie erhofft auf Position war, lässt sich nicht abschließend beurteilen. Entscheidend ist das Ergebnis. Kein Wolf wurde verletzt. Kein Wolf wurde getötet. Das Rudel blieb unversehrt.
Für uns endet dieser Einsatz nicht mit dem Abbruch der Jagd. Im Gegenteil. Wir werden in diesem Gebiet weiterhin präsent sein. Unser Monitoring wird intensiviert. Unsere Beobachtungen ausgeweitet. Unsere Reaktionsfähigkeit weiter gestärkt. Solange der Wolf eine streng geschützte Art ist, werden wir genau dafür einstehen. Mit Präsenz vor Ort. Mit Dokumentation. Mit Technik. Am Boden, im Monitoring und aus der Luft. Für die Wölfe. Für den Artenschutz.


